
Tübinger HepaRegeniX bringt Leberregenerator in nächste Studienphase
Ein Patient mit Lebermetastasen nach Darmkrebs hat die erste 28-tägige Behandlung mit Darizmetinib nach einer großen Leberresektion abgeschlossen. Damit kommt HepaRegeniX dem nächsten Schritt seines klinischen Entwicklungsprogramms näher. Der eigentliche medizinische Ansatz ist allerdings weitreichender: Das Tübinger Biotech-Unternehmen will die Regenerationsfähigkeit der Leber nach einer Operation medikamentös unterstützen.
Wenn auch das Oktoberfest als Bezugspunkt für alle Themen rings um die Leber naheliegt, diese Geschichte hat (noch) sehr wenig mit dieser Art der Überbeanspruchung des menschlichen Entgiftungsorgans zu tun. Darizmetinib, früher unter dem Namen HRX215 entwickelt, wird derzeit in einer Phase Ib/IIa-Studie bei Patienten untersucht, die wegen kolorektaler Lebermetastasen operiert werden. Im zweiten Teil der Phase Ib sollen insgesamt zehn Patienten nach einer größeren Leberresektion behandelt werden. Die erste behandelte Person hat die 28-tägige Therapie abgeschlossen. Bislang seien keine schwerwiegenden behandlungsbedingten Nebenwirkungen beobachtet worden. Der Studienabschnitt soll im vierten Quartal 2026 abgeschlossen werden.
Anschließend soll nach einer Sicherheitsbewertung durch ein unabhängiges Data Safety Monitoring Board nahtlos die randomisierte Phase IIa starten. Sie wird in derselben Patientenpopulation durchgeführt. Das entsprechende Studiendesign wurde laut Unternehmen von FDA, EMA und dem israelischen Gesundheitsministerium sowie den zuständigen Ethikgremien genehmigt.
Leber muss nach der OP nachwachsen
Der medizinische Hintergrund macht den Ansatz interessant. Bei Patienten mit kolorektalen Lebermetastasen kann die vollständige Entfernung der Tumorherde eine potenziell kurative Behandlung sein. Nach einer umfangreichen Resektion muss das verbleibende Lebergewebe – der sogenannte Future Liver Remnant – allerdings genügend Volumen und Funktion besitzen, um die lebenswichtigen Aufgaben des Organs zu übernehmen und sich anschließend zu regenerieren. Ist der Rest zu klein oder funktionell zu schwach, steigt das Risiko eines postoperativen Leberversagens erheblich. Patienten können deshalb von einer potenziell heilenden Operation ausgeschlossen werden.
Genau hier setzt Darizmetinib an. Der oral verfügbare niedermolekulare Wirkstoff hemmt selektiv die Mitogen-activated-protein-kinase-kinase 4 (MKK4), die nach Angaben von HepaRegeniX eine zentrale Rolle bei der Regulation der Leberregeneration spielt. In präklinischen Modellen habe die Hemmung von MKK4 die Leberzellen stabilisiert und geschützt und die Regenerationsprozesse auch in vorgeschädigten oder erkrankten Lebern beschleunigt. Ob sich dieser Effekt beim Menschen tatsächlich therapeutisch nutzen lässt, ist Gegenstand der laufenden klinischen Entwicklung.
Der erste klinische Schritt ist damit bewusst noch nicht mit einer nachgewiesenen Wirksamkeit gleichzusetzen. Zunächst geht es um Sicherheit und die weitere klinische Prüfung. Dass sich der Ansatz dennoch von vielen regenerativen Therapien unterscheidet, liegt in seiner vergleichsweise einfachen Ausgangsidee: HepaRegeniX versucht nicht, Zellen zu transplantieren oder Gene zu verändern, sondern will einen körpereigenen Regenerationsmechanismus pharmakologisch anschieben.
Leberchirurgie über die Onkologie hinaus
Sollte sich das Konzept klinisch bestätigen, könnte sein Einsatzgebiet über die Leberchirurgie hinausreichen. HepaRegeniX nennt unter anderem die Transplantation kleiner Lebersegmente, bei denen eine unzureichende Regeneration zum Problem werden kann, sowie schwere alkoholassoziierte Hepatitis als mögliche weitere Anwendungsgebiete.
Für die aktuelle Entwicklung ist zunächst aber die postoperative Situation entscheidend. Die Phase I/IIa-Studie wird an mehreren Zentren in den USA, Deutschland, Spanien, Frankreich und Israel durchgeführt; eingesetzt werden 250 mg Darizmetinib zweimal täglich über 28 Tage. Der erste Teil der Phase Ib nach kleineren Leberresektionen war zuvor mit einem günstigen Sicherheitsprofil abgeschlossen worden.
Investoren sind interessiert
Die Investorengruppe, die sich bei HepaRegeniX eingefunden hat, liest sich bemerkenswert. Das Tübinger Biotech-Unternehmen wird unter anderem von Vesalius Biocapital IV, Novo Holdings, dem Boehringer Ingelheim Venture Fund, Coparion, dem High-Tech Gründerfonds, Ascenion und Wellington Partners finanziert.
Bisher wurde lediglich ein erster Patient nach großer Leberresektion behandelt. Sollte aus dem kleinen klinischen Schritt jedoch einmal eine wirksame medikamentöse Unterstützung der Leberregeneration werden, wäre das medizinisch durchaus größer: Die Frage, wie viel Lebergewebe nach einer Operation zum Überleben und zur Regeneration übrig bleiben muss, könnte sich damit zumindest teilweise neu stellen.

Land NRW, Marius Becker
immatics GmbH / Max Lautenschläger
NIH.gov